Interview mit einer Lektorin

Meine Gesprächspartnerin: Renée Repotente/TXTwerk

 
 

– Hi Renée, stell dich und deine Arbeit bitte kurz vor.

Ich bin Inhaberin von TXTwerk, einem Lektorats-, Text- und Redaktionsbüro.

Ich bin den klassischen Verlagsweg gegangen: Studium (Literaturwissenschaft und Kunst), freie Mitarbeit und Volontariat im Verlag, danach angestellte Lektorin, und dann habe ich mich selbstständig gemacht. Bücher haben mich mein Leben lang begleitet. Ich habe schon als Kind den Wunsch gehabt, etwas damit zu machen (ganz zu Beginn war es der Wunsch, selbst Schriftstellerin zu werden).

Ich habe nach dem Abitur ein paar Umwege genommen, und zu meinem Beruf als Lektorin bin ich zufällig gekommen. Während meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, ein Praktikum in einem Verlag zu machen, bei dem ich nach meinem Abschluss geblieben bin. Das war 2004, und seitdem habe ich mehreren hundert Romanen auf die Welt geholfen.

- Was ist der Tätigkeitsbereich deiner Agentur? Welche Art von Kunden betreut ihr?

Unsere Agentur hat zwei Tätigkeitsbereiche. Im ersten kümmern wir uns vor allem um Unternehmenstexte, das geht von Homepagetexten über Rundbriefe bis hin zu Kundenmagazinen. Unser zweiter Schwerpunkt ist die Betreuung von Autor*innen und ihren Buchprojekten. Wir lesen Korrektur, lektorieren Manuskripte und verfassen dazu Exposés, Pressetexte oder geben auch konkrete Hilfe, wenn es um Überarbeitungen und Verbesserungen geht.

- Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Lektors aus?

Mein typischer Tag sieht immer anders aus als der andere, aber natürlich geht es immer um Text, Text, Text. Die Arbeit ist sehr facettenreich, was daran liegt, dass kein Text dem anderen gleicht. Ein großer Teil besteht darin, eingegangene Texte – also Leseproben und Manuskripte, die von den Autor*innen eingesandt werden – zu prüfen und zu beurteilen. Je nachdem, mit welchem Anliegen man zu uns kommt, kann man sich von einer ersten Einschätzung bis hin zu einem intensiven Lektorat an uns wenden. Manche Autor*innen haben bereits ihr Buch veröffentlicht und brauchen noch einen Pressetext oder Anregungen für die Vermarktung. Ihnen können wir auch helfen, weil wir viel Erfahrung aus der Verlagsbranche mitbringen.

- Was genau ist denn der Unterschied zwischen Korrektorat und Lektorat?

Im Korrektorat kümmert man sich ausschließlich um die Überprüfung von Rechtschreibung, Grammatik und Formalia. Sind die Wörter richtig und Begriffe auch einheitlich geschrieben? Stimmt die Kommasetzung? Es geht hier vor allem darum, alle offensichtlichen Fehler in einem Text zu finden. Das erfordert sehr viel Konzentration und Genauigkeit. Im Verlag gibt es neben dem Lektorat meist noch ein separates Korrektorat, bevor der Text in den Druck geht.

Im Lektorat konzentriert man sich auf den Aufbau, die Sprache und die interne Logik. Bei Romanen prüft man z. B. den Stil, die Handlung, den Spannungsaufbau, die Chronologie, die Figurenzeichnung. Bei Sachtexten schaut der Lektor auf den logischen Aufbau, die Verständlichkeit für den Leser und auf die fachliche Richtigkeit und Überprüfbarkeit. Der Lektor taucht also mehr in den Inhalt, den Ton und die Rhythmik des Textes ein.

- Manchmal meinen Autoren, dass Lektorat zu teuer sei. Sie verlegen das Buch ohne die Hilfe eines Lektors. Was hältst du davon?

Das mag funktionieren, wenn die Autor*innen selbst sicher in Rechtschreibung und Grammatik sind.

Ich würde immer dazu raten, ein professionelles Lektorat hinzuzuziehen. Natürlich hat so etwas seinen Preis, die Vorteile eines Lektorats sollte man aber unbedingt berücksichtigen, weil es Dinge gibt, die die Autor*innen nicht sehen. Das ist normal, wenn man lange an einem Text oder einem Projekt arbeitet, ist man bei bestimmten Punkten irgendwann betriebsblind. Da kann einem schnell mal etwas durchrutschen. Natürlich ist unsere Arbeit nicht hundertprozentig unfehlbar, Lektor*innen sind auch nur Menschen. Aber ein Vier- oder Mehr-Augen-Prinzip ist immer sicherer, als wenn man als Autor*in den Text alleine gelesen hat.

Viele geben ihren Text vor Veröffentlichung auch privaten Testlesern, die sie dann z.B. auf logische Fehler u.a. hinweisen. Ein Lektorat funktioniert ähnlich, aber auf einer professionellen Ebene. Ich glaube nicht, dass von den bekannten Bestseller-Autor*innen eine/r ohne Lektorat arbeitet. Das sieht man im Ergebnis.

- Ich habe gelesen, dass Lektoren ihre Arbeit pro Normseite abrechnen. Ist das richtig? Falls nicht, von welchen Kriterien sind die Kosten abhängig?

Die Abrechnung pro Normseite ist die gängigste Variante. Es gibt auch Lektorate, die nach Stundenaufwand berechnet werden. Beides ist in der Branche üblich.

Die Kosten für ein Lektorat berechnen sich danach, wie arbeitsaufwändig der Text ist. Wenn z.B. sehr viele Rechtschreib- oder Flüchtigkeitsfehler drin sind, braucht man länger als bei einem Text, der fast fehlerfrei ist. Finden sich in dem Text logische Fehler, muss man ihn ggf. stellenweise mehrmals lesen, speziell auf den Handlungsverlauf achten und mögliche Alternativen vorschlagen, wie der/die Autor*in den Text umarbeiten könnte.

- Welche Trends siehst du derzeit in deiner Arbeit?

Die Autor*innen haben heutzutage viel mehr Möglichkeiten, ein Buch zu veröffentlichen. Sie müssen nicht den klassischen Weg über einen Verlag gehen. Die Möglichkeit des Selfpublishings ist gerade für freie Lektor*innen ein attraktives Tätigkeitsfeld. Gleichzeitig sind die Autor*innen viel informierter, was die einzelnen Schritte einer Veröffentlichung betrifft; viele müssen das auch sein, weil sie ohne einen Verlag arbeiten, der ihnen das abnimmt. Dennoch geht es nicht ohne professionelle Unterstützung, wenn das Produkt ebenfalls professionell werden soll. Die Standards für Selfpublisher-Titel sind viel anspruchsvoller geworden. Daher wird ein professionelles Lektorat, Grafik oder PR nach wie vor gefragt sein.

- Was kann mit gutem Lektorat aus einem Buch werden?

Stephen King beschreibt in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“ den Stellenwert eines guten Lektorats so: „Schreiben ist menschlich, Lektorieren ist göttlich.“ Mit einem Lektorat lässt sich aus einem guten Buch ein sehr gutes Buch machen. Und manchmal aus einem sehr guten Buch ein brillantes.

- Wie viel Erfolg hat ein Buch deiner Meinung nach, das nicht lektoriert wird?

Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, jeder Text ist anders. Ein nicht lektoriertes Buch kann durchaus erfolgreich sein, aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich geringer als bei einem lektorierten Text. Das Problem – gerade bei Neulingsautor*innen – ist oft, dass dem Lektorat keine große Bedeutung beigemessen wird, nach dem Motto „Schreiben und lesen kann ja jeder, das kann ich auch alleine machen bzw. brauche ich nicht“. Ein gutes Lektorat ist mit einem guten Handwerk zu vergleichen, das fachliches Wissen und Erfahrung auf dem Gebiet beinhaltet.

- Was würdest du einem Neulingsautor in Bezug auf Lektorat empfehlen?

Ich würde gut recherchieren, wer Lektorate anbietet. Lass dir jemanden von einem/einer Kolleg*in empfehlen. Dann bieten viele Lektor*innen die Möglichkeit an, 2-3 Seiten gratis zu prüfen. So kannst du sehen, wie der/die jeweilige Lektor*in arbeitet und abschätzen, ob diese Arbeitsweise zu dir und deinem Text passt. Die Chemie sollte unbedingt stimmen! Schließlich arbeitet man an einem Text über einen gewissen Zeitraum und auch recht intensiv zusammen. Schau dir das jeweilige Angebot genau an und sprich persönlich mit dem/der Lektor*in. Die persönliche Einschätzung und das Bauchgefühl sind neben den fachlichen Qualifikationen ebenso wichtig.

- Was war für dich bisher der schönste Erfolg in deiner Arbeit?

Wenn ich so darüber nachdenke, würde ich sagen, dass es kein bestimmtes Erfolgserlebnis gibt, das in meinem beruflichen Leben besonders hervorzuheben ist. Es ist vielmehr das Glück, dass ich viele Menschen treffen und sie und ihre Projekte kennenlernen konnte, und dass ich nach so vielen Jahren immer noch eine unbändige Freude an meiner Arbeit habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

- Was würdest du einem Neulingsautor oder Selbstverleger ans Herz legen?

Gerade wenn man sein erstes Buch auf den Markt bringt, sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Als Neuling gibt es vieles, was man nicht weiß, Fallen, in die man tappen kann, Fehler, die unnötig sind. Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Ein Buch braucht Zeit, Geduld und Sorgfalt – dann wird es auch ein gutes Buch.

- Wo können dich Autoren finden?

Auf unserer Homepage http://txtwerk.com/ oder gerne eine direkte Mail an mich: repotente@txtwerk.com.

Vielen Dank für deine Zeit!