Interview Schreiben von Sachbüchern und Romanen

Mein Gesprächspartner: Marcus Johanus/marcusjohanus.com

 
 

– Bitte stell dich kurz vor: Wer bist du und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Seit ich als Kleinkind beim Spielen zufällig im Kleiderschrank meines Vaters eine Olymp entdeckte, bin ich dem Schreiben verfallen. Die mechanische Schreibmaschine zog mich magisch an, obwohl ich noch gar keine Buchstaben kannte. Immer wieder mussten meine Eltern meine Fingerchen verarzten, die ich mir zwischen den Tasten einklemmte. Doch auch die größten Schmerzen konnten mich nicht von meinem Lieblingsspielzeug trennen.

Die antike Schreibmaschine tauschte ich im Laufe der Zeit gegen einen Laptop ein. Und das Alphabet lernte ich auch ganz passabel. Nur die Angewohnheit, zwanghaft in jeder freien Minute wie ein Besessener zu tippen, bin ich nie losgeworden.

Dazu gibt es zu viele Geschichten, die unaufhörlich in meinem Kopf herumspuken, die mir nachts den Schlaf rauben und mich früh morgens zum Notebook treiben, während der Rest der Welt (zumindest meine Familie) noch schläft.

Ich habe Germanistik und Politikwissenschaft auf Lehramt studiert, zwischendurch und parallel zum Studium als Einzel- und Familienhelfer gearbeitet, jobbte in einem Spiele- und Buchladen und verschlang ohne Ende Bücher aller möglichen Genres. Am Ende begeisterten mich Figuren wie Sherlock Holmes und Philipp Marlowe so sehr, dass ich eine Leidenschaft für Krimis und Thriller entwickelte.

Heute lebe ich in meiner Geburtsstadt Berlin, verdiene meine Brötchen als Lehrer für Psychologie, Politik und Deutsch und schreibe Krimis und Thriller, betreibe mit meinem guten, alten Freund und Co-Autor Axel Hollmann den YouTube-Channel »Die SchreibDilettanten«, verfasse regelmäßig Beiträge für das Magazin »der selfpublisher« und habe vor kurzem mit Axel zusammen meinen ersten Schreibratgeber »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies« veröffentlicht.

– Wie sieht ein typischer Tag in deinem Autorenleben aus?

Von außen recht langweilig, fürchte ich. Ich stehe früh auf, erledige meine familiären Pflichten, setze mich an den Laptop und schreibe oder plane ein Romanmanuskript, bis ich zur Arbeit muss. Ein paar Minuten widme ich mich meinem Blog und/oder nehme ein Video auf, entweder für »Die SchreibDilettanten« oder für meinen eigenen YouTube-Channel.

Zwischendurch, unterwegs auf dem Handy, wenn ich irgendwo warten muss oder so, erledige ich Social-Media-Angelegenheiten. Poste also Fotos und Artikel, mache auf Projekte von mir aufmerksam und kommuniziere mit Lesern und Autorenkollegen.

Wenn ich Glück habe, komme ich abends noch mal so eine halbe Stunde oder so zum Schreiben.

Idealerweise schaffe ich auf diese Weise 2000 Wörter oder mehr am Tag zu schreiben oder zu überarbeiten. Im Schnitt sind es eher 1000.

– Du hast mit Axel Hollmann vor kurzem zusammen „Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies“ geschrieben.

Was war die Motivation, ein solches Buch zu schreiben, und an wen richtet es sich?

Seit ich 2011 meinen Blog gestartet habe, in dem es um meinen Schreiballtag und Schreibtipps geht, bekomme ich Anfragen von Leuten, ob ich nicht einen Schreibratgeber verfassen will. Diese Nachfragen häufen sich, seit ich mit Axel zusammen auch »Die SchreibDilettanten« herausgebe. Im Hintergrund habe ich immer wieder an so einem Buch gebastelt. Aber das ist nicht so einfach, wie viele es sich vorstellen.

Sachbücher schreibt man nicht mal auf die Schnelle nebenbei. Und ich bin ja eigentlich Romanautor. Ich habe bestimmt zwanzig Jahre gebraucht, um mich in Romantheorie einzuarbeiten und genug Schreibpraxis anzuhäufen, bis ich ein veröffentlichungsreifes Buch hinbekommen habe. Und ich lerne heute noch nahezu täglich dazu.

Vielleicht nicht ganz so lange, aber doch ein paar Jahre, brauchte es deswegen auch, bis ich ein Sachbuch schreiben konnte.

Hinzu kommt, dass Axel und ich eine Anfrage des Wiley-Verlags erhielten, dieses Buch zu schreiben. Ich musste mit keinem Manuskript hausieren gehen. Eine Auftragsarbeit motiviert natürlich. Eine professionelle Lektorin an der Seite und einen Co-Autor zu haben, hat schließlich dramatisch geholfen.

Trotzdem hat mich die Arbeit an »Romane schreiben und veröffentlich für Dummies« ein Jahr gekostet. Deswegen ist 2018 auch von mir kein neuer Roman erschienen, obwohl ich mir seit meiner ersten Veröffentlichung 2015 vorgenommen habe, mindestens ein Buch pro Jahr zu veröffentlichen.

Wir haben »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies« im Prinzip für unsere jüngeren Ichs geschrieben. Es ist ein Schreibratgeber, wie ich ihn mir vor rund fünfzehn Jahren gewünscht hätte. Damals gab es noch nicht so viele Schreibratgeber wie heute.

Ich habe mir immer einen Schreibratgeber gewünscht, der schnell das Wichtigste in den Vordergrund stellt, ohne verkopft und weitschweifig zu sein. Ein Buch, das mich motiviert und mir trotzdem die Wahrheit über das Autorenleben verrät, mit allen Licht- und Schattenseiten.

- Warum habt ihr es über einen Verlag veröffentlicht und nicht als Selbstverleger? Du bist ja Verlagsautor und Selbstverleger und kennst beide Seiten.

Schlichtweg weil »Romane schreiben und veröffentlichen für Dummies« eine Auftragsarbeit ist. Der Verlag wurde über unseren YouTube-Channel auf Axel und mich aufmerksam.

– Was macht deiner Meinung nach ein gutes Buch aus?

Ein gutes Buch behandelt zunächst einmal Themen, die für mich gerade relevant sind. Die mich also emotional ansprechen oder über die ich einfach gerade gerne mehr wissen will. Oder es geht um Figuren, die mich ansprechen, weil sie mit mir auf einer Wellenlänge liegen oder Aspekte haben, die mich faszinieren oder inspirieren.

Sherlock Holmes ist da für mich ein gutes Beispiel. Ich bin davon fasziniert, dass er rational und wissenschaftlich Probleme angeht, die auf den ersten Blick unerklärbar wirken. Das ist ein Thema, das mich ganz prinzipiell interessiert und das ich auch für sehr wichtig halte. Über das Thema Freundschaft (mit Doktor Watson) packen mich die Geschichten emotional, weil Freundschaft auch etwas sehr Zentrales für mich ist, das mich emotional stark bewegt.

In zweiter Linie muss ein gutes Buch gut geschrieben sein. Damit meine ich, dass die Sprache mich nicht belästigen darf. Ich finde, dass es einen Wert für sich darstellt, wenn sich jemand klar und unmissverständlich ausdrücken kann. Und ich liebe Dialoge. Gut geschriebene, tempo- und abwechslungsreiche und vielleicht auch etwas witzige Dialoge sind für mich das größte Lesevergnügen.

Auch das kann ich an Sherlock Holmes festmachen. A.C. Doyle hat eine klare Sprache, die eindeutig im Dienst der Geschichte steht, nicht umgekehrt. Und die Storys bestehen zum großen Teil aus Dialogen.

– Worin siehst du die Unterschiede zwischen dem Schreiben von Romanen und Sachbüchern?

Ich denke, der große Unterschied ist die, sagen wir mal, technische Organisation.

Ein Sachbuch muss besser strukturiert und vor allem indiziert sein. Ich muss beim Schreiben daran denken, dass es später ein Stichwortverzeichnis gibt. Deswegen muss ich auch in jedem Abschnitt auch die richtigen Stichworte benutzen. Trotzdem muss aber das Ganze ja lesbar und unterhaltsam bleiben.

Das ist ein schwieriger Balanceakt, der viel Konzentration, Anstrengung und Überarbeitung erfordert. Noch mehr als beim Romanschreiben.

- Sachbuchautoren schreiben längst keine „trockenen Bücher“ mehr.

Ihre Bücher leben von Storytelling und Inhalten, die passend für die Zielgruppe geschrieben sind. Sachbuchautoren sind jedoch meist Experten und haben weniger Übung im Schreiben als Romanautoren, die das Schreiben eher zuerst lernen und dann tun. Gibt es Dinge, die Sachbuch- von Romanautoren lernen können?

Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass der eigentliche Maßstab das journalistische Schreiben ist. Vor Journalisten habe ich den allergrößten Respekt.

Sie schaffen es praktisch, die exakte Balance zwischen Form und Inhalt zu wahren. Ich denke also eher, dass Sachbuch- und Romanautoren von Journalisten lernen können.

– Wie können beide Arten von Autoren ihren Schreibstil trainieren? Was ist ein „guter Schreibstil“?

Ich finde ganz prinzipiell, dass Einfachheit und Schönheit für mich häufig das Gleiche sind.

Je einfacher ein Autor etwas also ausdrücken kann, je mehr er auf Überflüssiges verzichten kann, desto besser empfinde ich seinen Schreibstil.

Eines meiner liebsten Mittel, um meinen Stil zu trainieren, ist das Abschreiben. Von Zeit zu Zeit nehme ich mir Texte vor, die mich beeindruckt haben und schreibe sie Wort für Wort ab. Das schult ungemein und ich lerne diese Texte dadurch überhaupt erst richtig kennen.

– Ein Buch ist ein Monster-Projekt: planen, schreiben, testen, veröffentlichen, vermarkten, u.U. überarbeiten. - Wie bändigst du deine Monster?

Durch Hilfe. Meine Frau ist eine große Unterstützung. Aber auch meine anderen Verwandten und Freunde tolerieren das Schreiben nicht nur, sondern freuen sich auch über Neuveröffentlichungen von mir und nehmen großen Anteil. Diese Welle der Sympathie trägt mich halt durch schwierige Phasen.

Eine ganz zentrale Rolle spielt natürlich Axel. Wir lernen gegenseitig voneinander. Er kann Dinge gut, die ich nicht kann und ich bilde mir ein, dass es umgekehrt genauso ist. Vor allem helfen wir uns gegenseitig durch schwierige Phasen und motivieren uns.

Außerdem umgebe ich mich – mindestens virtuell – mit gleichgesinnten. In den sozialen Medien, aber auch auf Messen und zu anderen Gelegenheiten, mit Autoren befreundet zu sein, bringt viel.

Alle haben ähnliche Probleme, manche sind in gewissen Bereichen ein bisschen weiter als ich, andere stehen vor Aufgaben, die ich schon gemeistert habe. Beides ist wichtig und hilft.

Und mir macht es einfach Spaß, wenn ich merke, dass ich durch einen Blogartikel, eine Folge »Die SchreibDilettanten« oder in einem Gespräch auf einer Messe einem anderen Autor bei einem Problem helfen konnte.

Ich bin halt nicht nur Autor, sondern auch Lehrer. Und ich habe einfach viel Spaß daran, erworbenes Wissen weiterzugeben, für andere aufzubereiten und Erfahrungen zu teilen. In gewissem Sinne hilft mir also auch mein Beruf beim Schreiben.

– Welche Tipps würdest du einem Erstlingsautor für das Schreiben auf den Weg mitgeben, egal ob er Romane oder Sachbücher schreibt?

Gib dir selbst die Erlaubnis, einen wirklich schlechten ersten Entwurf zu schreiben.

Stelle dein Manuskript unbedingt fertig, ganz gleich, wie sehr du daran zweifelst.

Und danach überarbeitest du alles schonungslos und penibel.

– Letzte Frage: Lieber Selbstverleger oder Verlagsautor und warum?

Das kann ich nicht sagen. Beides hat Vor- und Nachteile. Ich bin tendenziell jemand, der lieber schreibt, als sich um Cover und das Veröffentlichen zu kümmern. Von daher schätze ich es sehr, wenn mir ein Verlag diese Arbeiten abnimmt.

Auf der anderen Seite erwarten Verlage, dass man selbst Werbung für sein Buch macht. Diese Tätigkeit unterscheidet sich nicht wesentlich vom Selfpublisher.

Deswegen kann ich verstehen, wenn jemand sagt, dass er dann gleich alles selbst erledigen kann.

Ich mag also beides.

Vielen Dank für deine Zeit!